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Gemeinderat, 20. Sitzung vom 25.10.2002, Wörtliches Protokoll  -  Seite 21 von 106

 

was mein Vorredner heute gesagt hat, voll unterstreichen zu können. (Beifall der GRin Marie Ringler.) Lieber Christoph, wir freuen uns auch, dass es tatsächlich so ist, dass das Thema zwar eine große politische Dimension hat, dass es aber auch pädagogisch inhaltlich sehr stark ist.

 

Ich darf mit einer Zahl beginnen. Herr Prof Haider, der Leiter der PISA-Studie Österreichs in Salzburg, hat uns vor kurzem einen Vortrag mit den Ergebnissen der vertiefenden Auswertung von PISA gehalten, und er kommt sogar auf 18 Prozent, die Schwierigkeiten im Lesebereich haben, wobei ungefähr 4 Prozent der Jugendlichen de facto überhaupt nicht lesen können, also de facto Analphabeten sind, und weitere 15 Prozent Schwierigkeiten beim sinnentnehmenden Lesen haben. Wenn man das zusammenrechnet, kommt man auf fast 19 Prozent.

 

Man muss aber - das bitte ich in dieser Diskussion hier auch zuzugestehen - die Dimension sehr wohl auch international sehen. Es ist kein Trost, wenn herauskommt, dass im OECD-Schnitt eigentlich 21 Prozent nicht lesen können. Das ist genau genommen eigentlich schockierend. Man muss aber auch dazusagen, wo Dinge vergleichbar sind. Und wenn Finnland an der ersten Stelle liegt und Österreich an der zehnten Stelle im PISA-Vergleich, dann muss man natürlich schon auch fragen: Wie sind die Systeme? Was steckt dahinter? Wie funktioniert das vor Ort?

 

Da zeigt sich, dass Finnland, Korea, Japan und Österreich schwer vergleichbar sind. Vielmehr bietet sich für einen Vergleich eigentlich nur Deutschland an, das als einziges Land auch eine binnendifferenzierte Studie vorgelegt und genau diese Frage untersucht hat. Da stellt sich zunächst ein so genanntes Nord-Süd-Gefälle heraus. Dieses Nord-Süd-Gefälle zeigt, dass Schulen oder Schulsysteme, die sehr differenziert aufgebaut sind, wie Bayern oder Baden-Württemberg, deutlich höhere und bessere Ergebnisse erzielen beim Lesen als Gesamtschulmodelle.

 

Jetzt bin ich noch weit entfernt davon, das sozusagen gleich mit einem Stempel zu versehen und zu sagen, das eine ist ideologisch und daher böse und das andere ist gut. Man muss sich anschauen, warum das so ist. Denn ein zweiter sehr wesentlicher Punkt dabei ist die Frage der Lehrerausbildung und die Frage des Umgangs der Lehrer mit diesem Thema.

 

Da stellt sich auch heraus, dass Finnland deshalb so gut ist, weil Finnland ein ausgeprägtes Auslesesystem für den Lehrberuf hat. Also hier kommen sozusagen aus der großen Masse derer, die überhaupt Lehrer werden wollen, nur wenige in den Genuss, diesen Beruf dann auch auszuüben zu können, weil sie hier im Eingangsbereich harte Prüfungen beziehungsweise Tests absolvieren müssen.

 

Was mich ein bisschen nachdenklich stimmt, ist eine innerösterreichische Situation. Prof Haider hat anhand von 40 beliebig ausgewählten AHS-Standorten gezeigt, dass die Lesekompetenz dieser gleichartigen Schularten zwischen maximal 650 Punkten und minimal 407 Punkten liegt. Das heißt, wir haben eine Streuung von über 130 Punkten bei der Kompetenz des Lesens in einem Bereich, wo Schulen vergleichbar sind, also in Gymnasien.

 

Daher muss man sich ganz genau anschauen, was zu diesem großen Streuungsbereich führt, und ich bin sehr froh, dass es seit Juni dieses Jahres vom Bundesministerium Lesestandards für die dritte Schulstufe als Test gibt. Es wird derzeit daran gearbeitet, Lesestandards für die dritte Schulstufe auszuarbeiten, wobei die Bereiche Lesemotivation, Texte fließend vorlesen, den Inhalt von Texten erschließen und wiedergeben können, über den Sinn von Texten nachdenken und formale und sprachliche Gegebenheiten in Texten zu untersuchen, im Zentrum stehen.

 

Dieses Pilotprojekt läuft seit Herbst an österreichischen Schulen zum Test. Das sind jetzt Arbeitsentwürfe, die ganz deutlich machen sollen, dass wir - und das wird wahrscheinlich ein bisschen die Antwort auf die ganze Problematik sein - ohne Standards im Sinne der Orientierung nicht auskommen werden. Ich verwehre mich gegen die Überlegung, dass es sich dabei um Rankings handeln wird. Da geht es überhaupt nicht um Rankings, sondern da geht es nur um die Frage: Wie vergleichbar sind jene Output-Situationen an der Schule mit gleichartigen Schulen zwischen Vorarlberg und Burgenland? Um das sicherzustellen, brauchen wir diese Orientierungsstandards, und ich bin sehr froh, dass die Bundesregierung beziehungsweise Frau Bundesministerin Gehrer diese Reformen noch eingeleitet hat. (Beifall bei der ÖVP.)

 

Vorsitzender GR Günther Reiter: Der nächste Debattenbeitrag kommt von Herrn GR Ing Rudolph. - Bitte schön.

 

GR Ing Herbert RUDOLPH (Klub der Wiener Freiheitlichen): Herr Vorsitzender! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich begrüße auch die Gäste auf der Galerie. Es ist leider ja nicht der Alltag hier im Haus, dass so viele, vor allem junge Damen und Herren, dem Wiener Gemeinderat einen Besuch abstatten.

 

Die Erkenntnisse der PISA-Studie sind leider nicht neu. Die Erkenntnisse der PISA-Studie fügen sich in ein Bild, das vor etwas mehr als zehn Jahren Christian Klitsch an der Wiener Universität in einer Studie über die Lese- und Rechtschreibfähigkeiten der Österreicherinnen und Österreicher bereits herausgearbeitet hat. Er hat damals leider sehr wenig öffentliche Resonanz gefunden, als es darum ging, deutlich zu machen, dass das, was man von dem österreichischen Pflichtschulwesen mit ins Berufsleben nimmt, oftmals nicht ausreicht, um im beruflichen Alltag, aber auch im privaten Alltag so bestehen zu können, wie es wünschenswert wäre.

 

Tatsächlich - das hat die Studie damals auch schon gezeigt - ist es so, dass genau in jenen Bereichen, wo die Lese- und Rechtschreibkompetenz durchaus steigerbar gewesen wäre, also bei den 14- und 15-Jährigen, noch die höchste Kompetenz vorhanden war und diese Kompetenzen dann abgenommen haben. Daher ist natürlich alles zu unterstützen, was darauf abzielt, das

 

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