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Gemeinderat, 2. Sitzung vom 10.12.2020, Wörtliches Protokoll  -  Seite 61 von 106

 

Ziele darauf gerichtet sind, jedem Kind die gleichen Chancen zu geben.

 

Gestern wurden die Ergebnisse einer durchgeführten Studie, der Trends in International Mathematics and Science Study, der TIMSS, präsentiert. Sie wurde 2019 in 58 Ländern durchgeführt, und da gibt es jetzt die Ergebnisse. Man kann erfreulicherweise berichten, dass die österreichischen Volksschülerinnen und Volksschüler im Fach Mathematik diesmal besonders gut abgeschnitten haben. Es wird immer die 4. Klasse überprüft. Die haben mehr Punkte als im aktuellen Schnitt dieser Studie und auch mehr Punkte als im EU-Schnitt erreicht, und es gab auch gegenüber der letzten Teilnahme an der Studie 2011 eine deutliche Verbesserung.

 

In den Naturwissenschaften, Biologie, Physik, Geographie, sieht es leider nicht so gut aus. Da kamen die österreichischen Viertklässler nur auf den EU-Schnitt, allerdings sanken sie im Vergleich zu 2011 deutlich ab, und zu 1995 - das war die erste Studie, die durchgeführt wurde - noch deutlicher.

 

Aber, wie gesagt, in Mathematik - sicher ein sehr, sehr wichtiges Fach - verringerte sich der Anteil der leistungsschwachen Schüler von 5 auf nur 2 Prozent, und das, glaube ich, ist einmal eine gute Nachricht.

 

Was diese Studie noch aussagt, ist, wie die Unterschiede aussehen, wenn wir Ergebnisse von Kindern mit unterschiedlichem familiären Hintergrund vergleichen. Migranten erzielen in Österreich in Mathematik rund 34 Punkte weniger als einheimische Schüler, in den Naturwissenschaften waren es 66 Punkte. Noch deutlicher sind die Leitungsunterschiede nach dem Bildungshintergrund der Eltern. Schülerinnen und Schüler, deren Eltern maximal einen Pflichtschulabschluss haben, schneiden in diesen beiden Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften dementsprechend noch schlechter ab.

 

Ich glaube, das sollte uns schon zu denken geben, denn da komme ich zu dem Punkt zurück, den ich vorher erwähnt habe: gleiche Chancen für jedes Kind, und die Chancengerechtigkeit als Leitziel unserer Bemühungen. Wie kann es sein, dass wir Kinder haben, die aus einem Haushalt und von Eltern kommen, die nicht diesen starken Bildungshintergrund haben, und denen einfach nicht die gleichen Wege offen stehen wie Kindern aus sozioökonomisch besser gestellten Familien, aus Akademikerfamilien?

 

Wenn ich mir das österreichische Bildungssystem ansehe, braucht es uns, glaube ich, auch nicht verwundern, wie das so läuft. Sie kennen alle die Situation, und ich mache meine Erfahrungen auch tagtäglich selbst. Wenn man ein Kind hat und nicht zumindest ein Mindestmaß an Engagement seitens Eltern mitbringt, nicht zumindest hie und da die Hausübungen kontrolliert, schaut, was sich so tut, auch vielleicht das Gespräch mit Pädagoginnen und Pädagogen sucht oder zum Lernen auffordert - Wenn das ein Kind in unserem österreichischen Bildungssystem nicht hat, dann kommt es - der eine mehr, der andere weniger, aber wahrscheinlich trotzdem - in eine Situation, dass es irgendwann den Anschluss verliert, und nicht, weil es nicht klug genug dafür ist, sondern weil es einfach schlechtere Voraussetzungen hat. Und das führt dann in weiterer Folge sehr bald zu einer Trennung im Bildungssystem und zu einem einzementierten Bildungsweg.

 

Ja, ich weiß schon, man kann immer wieder rufen, auch die Eltern in die Pflicht zu nehmen - das ist wichtig, überhaupt keine Frage -, aber wir müssen uns auch der Tatsache bewusst sein, dass das in vielen Fällen einfach nicht funktioniert.

 

Was ist deswegen hier besonders unsere Aufgabe? - Ein Bildungssystem, das diese unterschiedlichen Voraussetzungen wett macht. Da müsste man wahrscheinlich sehr, sehr, sehr viel ändern, und da sind wir natürlich durch die Kompetenzaufteilung, was Land und Bund betrifft und was unsere Hebel in Wien betrifft, beschränkt - keine Frage -, aber es gibt doch einiges, was wir auf den Weg bringen können, und das tun wir.

 

Das ist erstens der Fokus auf den Kindergarten, den Kindergarten als erste Bildungseinrichtung. Da brauchen wir endlich auch den Sprung in eine Qualitätsoffensive. Das langfristige Ziel ist natürlich ganz klar, den Betreuungsschlüssel zu verbessern. Da gibt es heute ein paar Anträge, und ich würde ihnen allen sofort zustimmen und sie unterschreiben, weil ich inhaltlich voll dieser Meinung bin. Sie wissen es aber wahrscheinlich auch selbst, dass wir derzeit nicht die Pädagoginnen und Pädagogen dafür haben und deswegen hier einfach Schritt für Schritt gehen müssen, um diesen Beruf wieder attraktiver zu machen, um einfach mehr Menschen in diesen wundervollen Beruf zu bringen. Deswegen werden wir in einem ersten Schritt die Assistenzstellen von 20 auf 40 Stunden erhöhen und auch die Sprachförderkräfte erhöhen, damit wir die Pädagoginnen und Pädagogen entlasten, ihnen mehr Freiraum geben und so wieder mehr Leute in diesen Beruf bringen. Und das ist ein Meilenstein.

 

Der zweite Punkt, den Wien hier machen kann - und diesen Weg gehen wir -, ist die Unterstützung an den Schulen und, ja, natürlich auch - wenn ich wieder auf Ihre Anträge eingehe - kleinere Klassen. Wie schön wäre das, 18 Kinder pro Klasse - keine Frage. Aber auch hier besteht dasselbe Problem, natürlich auch das Platzproblem, das auch noch dazukommt. Wir wollen den Lehrerinnen und Lehrern aber wieder den Raum dafür geben, damit sie Zeit für das haben, wofür sie eigentlich da sind, zum Unterrichten.

 

Es sind so viele Probleme und Herausforderungen, die sich im Schulalltag ergeben. Ich habe die grünen Anträge mit Einzelbeispielen gelesen. Ja, genauso läuft es in der Praxis. Die Lehrerinnen und Lehrer sind natürlich mit dieser gewaltigen Aufgabe und Herausforderung teilweise überfordert und wissen einfach nicht mehr, wo sie zuerst hingreifen sollen. Das heißt, wir müssen hier massiv unterstützen.

 

Wir werden mit dem Wiener Bildungsversprechen eines der größten Schulentwicklungsprogramme auf den Weg bringen, aber natürlich auch alle anderen Pflichtschulen mit Unterstützung besehen, mit einer administrativen Kraft, die hier Sekretariats- und Administrationsaufgaben übernehmen soll, aber auch mit einer psychosozialen Kraft, um besonders für die Kinder in den Schulen da zu sein.

 

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