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Gemeinderat, 19. Sitzung vom 26.01.2017, Wörtliches Protokoll  -  Seite 80 von 125

 

kulturschatzes, ob das jetzt unter Kulturerbe ist oder nicht, in einem Atemzug mit einem Gebiet nennen, wo ich mit meinen Kindern eislaufe, wo ich mir denke, na, Weltkulturerbe-Qualität hat das hier nicht. (GR Georg Fürnkranz: Aber die Umgebung!) Dort steht kein - ich möchte das in aller Ruhe sagen - 2.000 Jahre altes oder 300 oder 150 Jahre altes Gebäude, das jetzt aus Jux und Tollerei abgerissen wird, sondern dort ist es, um es zurückhaltend zu formulieren, ziemlich schiach.

 

Wir haben nicht die Kultur, hier im Gemeinderat Visualisierungen zu machen, aber ich werfe die Fotos an Ihre geistigen Köpfe. Ich fahre am Eislaufverein die Runde und fahre jetzt an die Front des Konzerthauses, eine internationale Institution. Dort hängt ein schiaches Netz hinunter. Wenn du dort links gehen willst, ist ein ganz durchgerostetes Tor, rechts ist ein Tor, es sind abgemorschte Holzdinger. Das ist dringend verbesserungsbedürftig. Wenn Sie sich die Gebäude anschauen, die Kantinen dort, haben die, könnte man jetzt sagen, für manche Fernsehinszenierungen den Charme der 60er Jahre, wenn man dort eine Schnitzelsemmel isst, aber das ist, sagen wir es zurückhaltend, sehr in die Jahre gekommen. Der Kern jeder Projektentwicklung muss diese zentrale Frage sein: Ist es vor allem aus der Perspektive der Menschen, also auf der Höhe 1,50 bis 1,80, wo die Menschen ihre Augen haben, nachher besser oder ist es nachher schlechter? (GR Mag. Wolfgang Jung: Aber nicht isoliert!) Das ist ein Kriterium, und ich möchte das jetzt begründen, warum wir glauben, dass das derzeit vorliegende Projekt eine deutliche Verbesserung der Situation bringt.

 

Man kann gegen das Hochhaus sein. Es gibt gute Argumente, zu meinen, dort gehört kein Hochhaus hin. Das respektiere ich und in der Tat gibt es dort auch keinen städtebaulichen Zwang, indem man sagt, der einzige Ort, wo man ein Hochhaus haben will, ist dort. Nein, und ich werde es bei der Jury begründen, es gibt auch andere. Aber eines tun wir bitte nicht, ich ersuche darum, bringen wir nicht Palmyra und die Zerstörung wirklicher Kunstschätze der Menschheit in einem Atemzug mit den Veränderungen beim Eislaufverein. (Beifall bei GRÜNEN und SPÖ.)

 

Ich komme zum Weltkulturerbe, denn da wird manchmal vergessen, warum wir es wirklich bekommen haben. Ich lese es nicht langmächtig vor, sondern nur drei kurze Punkte, warum das „Historische Zentrum von Wien“ als UNESCO-Weltkulturerbe nominiert wurde.

 

Erstens: Die städtebaulichen und architektonischen Qualitäten des „Historischen Zentrums von Wien“ sind überragende Zeugnisse eines fortwährenden Wandels von Werten während des 2. Jahrtausends. Zweitens: Drei Hauptperioden europäischer Kultur und politischer Entwicklung, Mittelalter, Barock, Gründerzeit, werden in außergewöhnlicher Form durch das städtebauliche und architektonische Erbe des „Historischen Zentrums von Wien“ dargestellt. Und drittens, das wird oft vergessen: Seit dem 16. Jahrhundert ist Wien weltweit als die musikalische Hauptstadt Europas anerkannt.

 

Das sind die Kriterien, für die die UNESCO Wien das Weltkulturerbe übertragen hat. Nun erlaube ich mir, das ein bisschen zu interpretieren: Wenn der Wandel angesprochen ist und das Nebeneinander verschiedener Epochen, die in außergewöhnlicher Form das städtebauliche und architektonische Erbe ansprechen, Mittelalter, Barock, Gründerzeit, halte ich es für wunderbar, dass Wien zu einem Zeitpunkt der größten baulichen Expansion seiner Stadtgeschichte in hohem Respekt vor dem bisherigen kulturellen Erbe, auf das wir stolz sind, auch einen Akzent setzt an vielen Orten der Stadt, und nicht einen Weg wie Hallstatt geht, wo ich letzten Sommer war, wo sozusagen bis zur letzten Farbe alles eingefroren wird und damit abstirbt. Nur der Wandel ist die Dynamik einer Stadt.

 

Und jetzt verweise ich auf die Ausgangssituation, wie schaut es jetzt beim InterContinental aus? Kann dort moderne Architektur, können dort Akzente eine Verbesserung mit sich bringen, oder kommt es zu einer Verschlechterung?

 

Ich glaube, und ich lade alle Seherinnen und Seher ein, bitte gehen Sie zum Eislaufverein, gehen Sie rund um das Areal herum und suchen Sie dort außergewöhnliche Formen des städtebaulichen und architektonischen Erbes. Ich meine das nicht lächerlich. Sie werden es dort nicht finden, weil es dort nicht ist. Darum sollen wir es dorthin entwickeln, sensibel und in einer feinen ordnungsgemäßen Form. Darum wurde das in Gang gesetzt.

 

An Frau Kickert anknüpfend: Wir haben nicht zu beurteilen - da das viele Kritiker machen -, hat ein Investor ein Grundstück zu billig gekauft, unter welchen Rahmenbedingungen hat er es gekauft (GR Mag. Wolfgang Jung: Klar, wenn es um Spekulation geht!), ist das ein Spekulant oder nicht - also quasi irgendeinen Moralkodex anzuwenden. Das ist nicht unsere Aufgabe. Und ich warne vor einer Stadtplanung, die sich sozusagen wie ein Big Brother alles anschaut und sagt, na, zeig mir einmal alles, wir bewerten dich jetzt nach umfassenden moralischen Kriterien, haben irgendeine Instanz neben dem Rechtsstaat, und wenn du brav bist und aus subjektiver Sicht einer Regierung die Kriterien erfüllst, dann kriegst eine Widmung, und wenn du böse bist, dann kriegst du es nicht. Wir haben einen Rechtsstaat, wenn dort etwas faul gelaufen ist, gibt es Instanzen, die das zu klären haben, das sind die Gerichte. Wir haben ausschließlich nach städtebaulichen Kriterien und nicht nach subjektiven, moralischen zu urteilen. (Beifall bei GRÜNEN und SPÖ.)

 

Wie löst man dort eine schwierige Ausgangsposition? - Ich muss jetzt auf meine Redezeit schauen, aber das ist mir wichtig. - Und die schwierige Ausgangsposition hat wie gelautet? Ich kann mich an die erste Sitzung mit allen Stakeholdern vor Beginn des kooperativen Verfahrens erinnern, bei der der Eislaufverein selbstverständlich gesagt hat, wir wollen die Fläche beibehalten, das Hotel gesagt hat, was es braucht (GR Mag. Martin Hobek: Stakeholder!) - ja, die Stakeholder. Und der Wunsch der Stadt und auch des Eislaufvereins war und ist, dass diese wichtige Einrichtung auch die nächsten 50 und 100 Jahre an diesem Platz ist, dass es also zu keiner Verbauung kommt. Und wenn man alle Wünsche

 

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