Gemeinderat, 7. Sitzung vom 18.11.2025, Wörtliches Protokoll - Seite 44 von 108
möchte ich hier auch betonen. Denn das Christlich-Soziale ist bei diesem Thema schon völlig verloren gegangen. Ich weiß, dass das nicht die durchgängige Meinung der ÖVP ist. Ich kann euch da aber leider nicht aus der Verantwortung nehmen, weil es gefährlich ist. Es ist gefährlich für unsere Demokratie, für unsere Vielfalt und auch für das soziale Klima in unserer Stadt. (Beifall bei SPÖ und NEOS.)
Deshalb ist es mir wichtig, heute auch ein paar Dinge klarzustellen, ganz sachlich und faktenbasiert, aber schon auch unmissverständlich.
Erstens: Es gibt mehr als zwei Geschlechter. Der Verfassungsgerichtshof hat das 2018 eindeutig entschieden. Intergeschlechtliche Personen haben das Recht auf einen passenden Geschlechtseintrag. Seit 2019 ist das im Personenstandsgesetz verankert. Das heißt, der Staat darf niemanden zwingen, sich als männlich oder weiblich zu deklarieren, wenn das nicht seiner Realität entspricht. Wer heute noch behauptet, es gäbe nur zwei Geschlechter, ignoriert absichtlich oder unwissentlich sowohl die Rechtsprechung als auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse. (Beifall bei SPÖ und NEOS. - GR Wolfgang - Daumen und Zeigefinger aneinander reibend: Außer wenn es um die Pensionen geht!).
Zweitens: Trans sein ist keine Krankheit. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Transgeschlechtlichkeit aus der Liste der psychiatrischen Erkrankungen gestrichen. Sie gilt seither als eine Variante der menschlichen Identität und nicht als Störung. (StR Dominik Nepp, MA: Variante!) Das eigentliche Problem ist nicht das Transsein an sich. Das Problem ist die Ablehnung durch die Gesellschaft. Diskriminierung macht krank und nicht die Identität. Wer Transpersonen krankredet, arbeitet nicht an Lösungen, sondern an neuen Traumata.
Drittens: Der Weg in das andere Geschlecht ist ein langer und mühsamer, den niemand leichtfertig geht. Schon die Diagnose ist ein aufwendiger Prozess und setzt eine klinisch-psychologische, eine psychotherapeutische und eine psychiatrische Diagnose voraus. Erst wenn diese drei Diagnosen vorliegen, braucht es einen Konsensbeschluss, damit es überhaupt in einen weiteren therapeutischen Prozess geht.
Viertens - an Kollegin Hungerländer: Transaffirmative Beratung schützt, sie manipuliert nicht. Organisationen wie die COURAGE leisten seit Jahren professionelle Arbeit. Sie unterstützen, begleiten und stärken. (StRin Mag. Ulrike Nittmann: Wahnsinn!) Sie drängen niemanden, sie hören zu.
Transaffirmativ heißt, Personen werden in ihrer Identität ohne Wertung und ohne Vorurteile ernst genommen. Ich erinnere daran: Noch vor wenigen Jahrzehnten galt hier in Österreich dasselbe für schwule, lesbische und bisexuelle Menschen. Sie wurden als pervers und als heilbar eingestuft. Heute erleben Trans- und nicht binäre Menschen denselben Hass. Genau deshalb braucht es Formen der Beratung: affirmativ, zugewandt und respektvoll. (Beifall bei SPÖ, NEOS und GRÜNEN.)
Fünftens - auch eine Botschaft an die ÖVP: Konversionstherapien sind keine Therapien, sie sind Gewalt. Sie versuchen, die Identität einer Person zu brechen, weil sie voraussetzen, dass Transsein wegtherapiert werden kann. Durch diese unmenschlichen Umpolungsbehandlungen erleiden Menschen unfassbare und in diesem Fall teilweise tatsächlich irreversible Schäden. (Zwischenruf von StR Dominik Nepp, MA.) Die UNO bezeichnet diese Methoden mittlerweile als Folter. In immer mehr Staaten sind sie verboten. Das ist gut so.
Es wird Zeit, dass dieses Verbot endlich auch in Österreich kommt und die Blockade der ÖVP hier im Bund endlich aufhört. Wir als Stadt Wien setzen uns in der rot-pinken Regierungskoalition für dieses Verbot ein - und zwar für alle Menschen, für sexuelle Orientierung und für Geschlechteridentität, weil niemand in dieser Stadt gezwungen werden darf, sich selbst zu verleugnen.
Damit komme ich zum fünften Punkt: Transsein ist keine Modeerscheinung. Mehr Sichtbarkeit bedeutet nicht, dass es plötzlich mehr Transmenschen gibt. Es bedeutet, dass Menschen sich trauen, sichtbar zu sein, weil sie weniger Angst haben - auch dank der Community, der langjährigen Arbeit aller AktivistInnen, engagierter LehrerInnen und ÄrztInnen und eben auch Beratungsstellen wie COURAGE. Transsein ist eine Realität, die es seit Jahrtausenden und in allen Kulturen gibt. Transsein ist kein Trend. Das Gegenteil ist der Fall.
Fakt ist - das ist auch mit Studien belegt -, dass Jugendliche, die sexuellen Minderheiten angehören - vor allem Transgender-Jugendliche im Vergleich zu ihren heterosexuellen Cisgender-Altersgenossen - ein deutliches Risiko von Selbstmord und Selbstmordversuchen haben. Das können Sie nicht leugnen, Frau Hungerländer. So zeigt eine kanadische Studie, dass Transgender-Jugendliche und junge Erwachsene fünfmal häufiger Suizidgedanken haben und das Risiko eines Suizidversuchs 7,6-fach erhöht ist.
Umso wichtiger sind Einrichtungen wie das erste queere Jugendzentrum und gerade auch Beratungsstellen wie COURAGE, um diese Kinder gut und sicher durch die Pubertät zu bringen. (Beifall bei SPÖ und NEOS.)
Jetzt noch ein paar Worte zum Fall Waltraud. Ganz ehrlich, es ist ein Fall von versuchtem Sozialbetrug. Man kann es nicht anders sagen. Das wird mittlerweile gerichtlich überprüft und wird ein Nachspiel haben. Genau das ist der Punkt. Das System funktioniert. Das Wiener Standesamt hat reagiert. Die Justiz prüft - und es wird rechtliche Folgen geben. (StR Dominik Nepp, MA: Erst nach öffentlich werden! Erst nachdem es in der Zeitung war!)
Mir ist es an dieser Stelle wichtig zu sagen, dass Herr Walter P. von COURAGE niemals eine Bestätigung für seine fälschlich vorgegebene Transsexualität bekommen hat. Alle Behauptungen in diese Richtung sind falsch. Wenn man die Presseaussendung von COURAGE einmal gelesen hätte, wurde dort auch entsprechend richtiggestellt, was dort passiert ist. (GR Leo Lugner: Kindesweglegung!) - Ja, ja. (Beifall bei SPÖ und NEOS.)
Liebe Kolleginnen, wir konnten in den letzten Wochen zwei Studien präsentieren, die die Stadt Wien in Auftrag gegeben hat, die unseren Wiener Weg auch
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