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Gemeinderat, 7. Sitzung vom 18.11.2025, Wörtliches Protokoll  -  Seite 46 von 108

 

3 800 Beratungen und über 1 200 Klientinnen und Klienten. Fast die Hälfte davon betraf Transmenschen, viele davon in psychischen und familiären Konflikten mit Diskriminierungs-, aber auch mit Gewalterfahrungen. Gleichzeitig gibt es eine Warteliste von bis zu vier Monaten. Das zeigt auch sehr schön, wie sehr dieses Angebot von COURAGE in Wien gebraucht wird.

 

Die Qualität der Beratungsstelle COURAGE ist sehr hoch. Es gibt qualifizierte Psychologinnen und Psychologen, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Supervision, strukturierte Fallkonferenzen - es gibt nie Einzelentscheidungen - und vor allem eine enge Vernetzung mit dem Wiener Gesundheitsverbund. Wichtig ist - obwohl wir das in der politischen Debatte ja immer wieder anders hören -, es geht nicht um Aktivismus. Es geht um professionelle psychosoziale Versorgung, die Menschen schützt, Familien stärkt und Krisen verhindert. (Beifall bei NEOS, SPÖ und GRÜNEN.)

 

Ein bisschen zur Evidenz, weil das Wort heute sehr strapaziert worden ist: Die Evidenz ist eindeutig. Menschen mit Geschlechtsinkongruenz, wenn also das empfundene Geschlecht nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt, gehören zu den vulnerabelsten Gruppen im Gesundheitssystem. (GR Armin Blind: Das ist nicht …!)

 

Die Zahlen sind sehr klar. 60 bis 70 Prozent dieser Menschen leiden an Depressionen, oft mit erhöhter Suizidalität. Rund die Hälfte dieser Menschen kämpft mit Angststörungen. Das sind Menschen in realen und teilweise lebensbedrohlichen Krisen.

 

Alle führenden Fachgremien, etwa der deutsche Ethikrat oder die nationale Ethikkommission in der Schweiz, betonen auch eines übereinstimmend: Jugendliche brauchen Respekt. Sie brauchen Schutz. Sie brauchen eine sorgfältige, fachlich fundierte Begleitung. Sie brauchen keine politische Vereinbarung. Weder ist Geschlechtsinkongruenz eine Mogelpackung oder ein Modephänomen, noch sind medizinische Maßnahmen automatisch die einzige richtige Antwort.

 

Eines zeigt die Evidenz sehr deutlich: Eine unterstützende und nicht pathologisierende Begleitung verbessert die psychische Gesundheit und Lebensqualität ganz signifikant. Wichtig dabei ist: Es zählt immer der individuelle Fall, wissenschaftlich, therapeutisch und ethisch verantwortet. Genau diese Form der professionalisierten und professionellen Begleitung liefert auch die Beratungsstelle COURAGE. (Beifall bei NEOS und SPÖ.)

 

Kommen wir aber nun zum politischen Befund. Ich möchte meine Worte zuerst an die ÖVP richten. Ich sage es ganz offen: Als vor einigen Wochen Markus Figl aufgetreten ist und angekündigt hat, der ÖVP eine neue Zukunftsvision zu geben, habe ich mich ja wirklich ehrlich gefreut. Es wäre ja dringend notwendig - eine konservative Partei, die im 21. Jahrhundert angekommen ist und die gesellschaftlichen Realitäten anerkennt.

 

In dieser Debatte heute und in all diesen Debatten in der Vergangenheit sehen wir aber wieder etwas komplett anderes. Es ist genau jene alte, klerikal konservative Linie, die seit Jahren gegen alle queeren Beratungsstellen, gegen die Regenbogenparade und gegen das queere Jugendzentrum hetzt. Es ist die gleiche Ideologie, die sich in bestimmten Kirchenkreisen, in Freikirchen und in Opus Dei-nahen Milieus wiederfindet. Eine Ideologie, die vorgibt, Familien schützen zu wollen, gleichzeitig aber jene Einrichtungen attackiert, die genau das machen, nämlich Familien unterstützen. Eine Ideologie, die vorgibt, Kinder zu schützen, aber wissenschaftliche Evidenz ignoriert und die Bedürfnisse von vulnerablen Menschen kleinredet, und bei der immer wieder versucht wird, queere Themen zu moralisieren, zu skandalisieren und politisch auszuschlachten, statt sich mit Fakten auseinanderzusetzen.

 

Genau diese Debatte heute ist auch ein Lackmustest. Wie sehr nimmt es die ÖVP ernst mit ihrer inhaltlichen Neuausrichtung? - Denn wer von Zukunft spricht, der muss einmal die Gegenwart anerkennen. Die Beratungsstelle COURAGE macht in Wirklichkeit das, was konservative Politik an dieser Stelle eigentlich tun müsste, nämlich Menschen stärken, Familien unterstützen, Krisen abfedern und Leid verhindern. Das ist professionelle und verantwortungsvolle Arbeit. Sie verdient Unterstützung statt politischer Kampagnisierung. (Beifall bei NEOS und SPÖ. - Zwischenruf von StRin Mag. Ulrike Nittmann.)

 

Zum Schluss noch ein Wort zur FPÖ. Die FPÖ versucht ja seit Tagen, einen einzelnen Fall von jemandem, der offenbar gezielt provozieren wollte, um in ein Frauengefängnis zu kommen, politisch auszuschlachten, einen Fall, der in Wirklichkeit so wirkt, als ob er für die freiheitliche Erzählung bestellt worden wäre. Daraus konstruiert die FPÖ nun den Beweis, dass das gesamte System der Geschlechtsänderung und jede Form professioneller LGBTIQ-Beratung aus den Fugen geraten sei. Nur ist das falsch. Sogar die Förderhöhe, die in der Presseaussendung der FPÖ über den Verein drinnen steht, ist falsch. So viel zu den Fakten. (StR Dominik Nepp, MA: … hat sich erhöht!)

 

Die Beratungsstelle COURAGE - darauf legt sie Wert - hat dieser Person weder eine Stellungnahme noch irgendeine Unterstützung für eine Personenstands- oder Vornamensänderung gegeben. Es gab ein einziges Informationsgespräch. Danach ist diese Person nie wiedergekommen, und der Fall war für die Beratungsstelle COURAGE beendet. Die Darstellung der FPÖ und jener Medien, die hier ungeprüft aufspringen, ist falsch.

 

Der entscheidende Punkt ist: Würde jemand versuchen, ein System zu missbrauchen oder ein Gefälligkeitsgutachten zu erstellen - übrigens nicht COURAGE, sie hat kein Gutachten erstellt -, dann ist das kein politisches Argument. Dann ist das ein Fall für die Justiz. Das klären die Gerichte, nicht der Gemeinderat und schon gar nicht die Schlagzeilenpolitik. (Zwischenruf von GR Leo Lugner.)

 

Eines, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist aber sicher: Die FPÖ nutzt einen mutmaßlichen Missbrauchsfall, um eine ganze Gruppe von Menschen zu diffamieren und eine Einrichtung anzugreifen, die korrekt, professionell und gesetzeskonform arbeitet. Was die FPÖ hier macht, ist keine Kritik. Es ist eine politische Kampagnisierung. Es ist die bewusste Verzerrung eines Einzelfalls, um Stimmung gegen eine Minderheit zu machen. Es

 

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